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Geschichte des Segelschiffs RICKMER RICKMERS, Hamburg

Rickmer Rickmers Museumsschiff In Hamburg

Das Museumsschiff RICKMER RICKMERS im Hamburger Hafen, 2013; Bild: © IndustryAndTravel/Bigstock.com

Sie gilt als das „schwimmende Wahrzeichen“ Hamburgs. Dabei wurde die legendäre RICKMER RICKMERS gar nicht an der Elbe gebaut. Seinen Stapellauf erlebte der stählerne Windjammer 1896 auf der Werft der Unternehmerfamilie Rickmers im damals preußischem Geestemünde. In unmittelbarer Nachbarschaft der Rickmers-Werft auf der Halbinsel Geesthelle: Bremerhaven. Dort liegen auch die Anfänge des norddeutschen Schiffbau- und Reedereibetriebes. Weil aber der Begründer dieser Dynastie von Kaufleuten und Schiffseignern, Rickmer Clasen Rickmers (1807-1886), von der Insel Helgoland stammte, erstrahlt die „grüne Lady“ bis heute in den Farben der roten Felseninsel: Rot, weiß und grün. Die markante Farbgebung Rickmer’scher Handelsschiffe ─ gleichermaßen lokalpatriotische Reminiszenz also an die Urheimat des Firmengründers, wie werbewirksames Identifikationsmerkmal eines weitverzweigten Schifffahrts- und Handelsimperiums. Ob auf hoher See oder in den großen Häfen der Welt: Rickmers-Schiffe kann man bereits im 19. Jahrhundert immer sofort erkennen. ─ Und auch die Nachfahren Rickmer Clasen Rickmers‘, die bis heute im Schifffahrtsgeschäft engagiert sind, halten an den „Corporate-Farben“ des alten Helgoländers fest.

Die Reishandelsgeschäfte der Rickmers in Asien

Als die RICKMER RICKMERS im August 1896 am Ufer der Geeste, einem Nebenfluss der Weser, vom Stapel läuft, blüht die internationale Seefahrt, blüht der Welthandel. Trotz aller Verbundenheit mit der Unterweserregion: Der Rickmers-Clan ist mit seinen vielfältigen Geschäftsaktivitäten längst auch in Hamburg engagiert. 1893 erwirbt man hier eine bedeutende Reismühle. Über Jahrzehnte hinweg hat sich die Familie im Reistransport, im Reishandel und schließlich auch in der Verarbeitung von Rohreis ein wesentliches Standbein ihrer wirtschaftlichen Existenz aufgebaut. Ostasien, von Burma bis nach China, spielt für die Geschäfte der Rickmers folglich eine besonders wichtige Rolle. Doch gerade die Geschäfte in Übersee bergen vielfältige Risiken.

Vom Holzschiffbau zum Eisen- und Dampfschiffbau

Mitte der 1890er hat das Schifffahrts- und Handelsimperium der Rickmers eine handfeste Krise hinter sich. Bis zum Tode des Patriarchen Rickmer Clasen Rickmers verfügt das maritime Familienunternehmen ausschließlich über Segelschifftonnage. Noch kurz vor seinem Tod hat der alte Rickmers für seine Handelsflotte zwei der größten Holzsegelschiffe der deutschen Seefahrtsgeschichte in Auftrag gegeben. Verbissen hält er im längst begonnenen Zeitalter des Eisen- und Dampfschiffbaus an Frachtseglern aus Holz fest. Seine ebenfalls im Reederei- und Schiffbaugeschäft engagierten Söhne haben die Zeichen der Zeit indes längst erkannt. Der für das Unternehmen so gewichtige Ostasienhandel zeigt die Folgen der verzögerten Anpassungen an die Bedürfnisse des Marktes besonders deutlich. Hier müssen die Rickmers-Erben in zunehmendem Maße mit Reedereien konkurrieren, die über deutlich größere und schnellere Schiffe verfügen; deutsche wie englische Unternehmen der Seeverkehrswirtschaft, die im Frachtgeschäft nach Asien schon länger auf Stahlrümpfe und Dampfmaschinen setzen.

Frachtsegler, Auxiliarsegler, Dampfschiffe

Als der Senior stirbt, nehmen Rickmers’ Söhne Andreas Clasen Rickmers (1835–1924), Wilhelm Heinrich Rickmers (1844–1891) und Peter Andreas Rickmers (1838–1902) die entscheidenden Weichenstellungen vor. Das 1834 gegründete Unternehmen muss dringend modernisiert werden: Bald wird die norddeutsche Firma in eine Aktiengesellschaft mit Hauptsitz in Bremen überführt und die veraltete Rickmers-Flotte nach und nach durch neue und größere Eisenschiffe ersetzt. Dabei müssen die dringend benötigten Schiffe aus Eisen und Stahl, Frachtsegler, Auxiliarsegler ebenso wie reine Dampfschiffe, zunächst aus England und Schottland importiert werden. Es wird noch viele Jahre dauern, bis auch bei Rickmers an der Geeste Schiffe mit Stahlrumpf vom Stapel gehen. Eines der ersten dieser Schiffe mit einem Rumpf aus genietetem Stahl, die auf der familieneigenen Werft in Geestemünde gefertigt wurde: die RICKMER RICKMERS. Benannt ist der Handelssegler nach einem Enkel des Firmengründers Rickmer Clasen Rickmers: Rickmer Rickmers (1893-1974). Der freundlich drein blickende Knabe im zeittypischen Matrosenanzug ziert als hölzerne Galionsfigur den Bug des Frachtseglers.

Navalismus und Kolonialismus

Es ist die Hochzeit des Navalismus und Kolonialismus. Jenseits von Marinespielzeug und modischen Matrosenanzügen zeigen selbige gerade in den 1890er Jahren ihre Wirkung besonders vernehmlich im Asien-Pazifikraum. 1898 etwa erzwingt das Deutsche Reich in China die Einrichtung eines Marinestützpunktes in Tsingtao (Qingdao). Die deutsche Musterkolonie in China ─ gleichermaßen Militärhafen wie zukünftiges Sprungbrett der deutschen Wirtschaft auf den chinesischen Markt. Im selben Jahr annektieren die Vereinigten Staaten im Zuge ihrer traditionellen Westexpansion die Hawaii-Inseln und erwerben zudem die Philippinen. Nach ihrem Sieg im Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898.

Kohle und Reis

Zum Einsatz kommt das neue Rickmers-Schiff vor allem im lukrativen Reishandelsgeschäft der Rickmers. Die asiatischen Reiseernten werden von Rickmers in Burma, Thailand, Vietnam und China aufgekauft, per Schiff nach Deutschland transportiert und in eigenen Schälmühlen weiterverarbeitet. Schon auf ihrer Jungfernreise lädt die RICKMER RICKMERS Reis. Im Hafen von Hongkong. Insgesamt 12 Frachtfahrten unternimmt das Segelschiff für die Bremer Familienreederei nach Asien. Während ihrer 16-jährigen Dienstzeit für die norddeutschen Reederei liefert die RICKMER RICKMERS vielfach auch europäische Kohle nach Asien. Für die Bunkerstationen der verschiedenen Liniendienste im ostasiatischen Seeverkehr oder für die ersten Industriebetriebe zwischen Bombay und Schanghai. Der moderne Kohlebergbau in Indien oder China befindet sich Ende des 19. Jahrhunderts noch in den Anfängen.

Verkauf der RICKMER RICKMERS nach Hamburg

Seit einem schweren Sturm vor der südafrikanischen Küste zur Bark umgetakelt, wird die RICKMER RICKMERS 1912 schließlich verkauft. Die Reederei Rickmers ist zwischen 1910 und 1913 nun zielstrebig bemüht, ihre Flotte vollständig auf Dampfschiffe umzustellen. Alle noch zur Rickmer’schen Tonnage gehörigen Großsegler werden jetzt nach und nach verkauft. Neuer Eigner der RICKMER RICKMERS ist die an der Elbe ansässige Reederei Krabbenhöft. Die RICKMER RICKMERS ist jetzt eine Hamburgerin und erhält zudem einen neuen Namen: MAX. Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges ändert sich auch das Fahrtgebiet des Schiffes: Kurzzeitig wird der ehemalige Ostasienfahrer nun in der sogenannten Salpeterfahrt zwischen Europa und Chile eingesetzt. Doch ihr Einsatz auf der legendären Hamburg-Chile-Route ist nur von kurzer Dauer.

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Navigationsraum an Bord des Hamburger Museumsschiffes RICKMER RICKMERS; Bildurheber: Peter Haas; Bild lizenziert unter CC BY-SA 3.0.

Erster Weltkrieg: Die Ex-RICKMER-RICKMERS wird beschlagnahmt

Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges geht die MAX, Ex-RICKMER-RICKMERS, im eigentlich neutralen Hafen von Horta auf den Azoren vor Anker. Seit Jahrhunderten gehören die Inseln zu Portugal. Für die damaligen europäischen Seemächte besitzen die Azoren jedoch eine hohe strategische Bedeutung: Als bedeutender Zwischenstopp im transozeanischen Seeverkehr, insbesondere auch in der Chile- und Salpeterfahrt; und schließlich auch als wichtiger Knotenpunkt transatlantischer Seekabelverbindungen. Unter britischen Druck beschließt Portugal schließlich die Konfiszierung von in ihren Häfen liegenden Schiffen deutscher und österreichisch-ungarischer Herkunft. Auch die hamburgische MAX beschlagnahmt man auf den Azoren. Ohne Prisengericht wird das Schiff bis zum Ende des Krieges nun unter dem Namen FLORES für den Transport militärischer Güter genutzt. ─ Im Dienste des Britischen Empires. An seinem Heck weht vorübergehnd also die Seekriegsflagge der Royal Navy. Damit endet für die Ex-RICKMER-RICKMERS nach rund 20 Jahre auch ihr Leben als Frachtsegler der zivilen Seefahrt.

Vom Frachtsegler zum Segelschulschiff

Nach dem Krieg wird die FLORES wieder an die portugiesische Regierung übergeben. Diese lässt das Schiff in den 1920er Jahren sodann zum Segelschulschiff umbauen. Die Laderäume des Frachtseglers werden in Wohn- und Schulungsbereiche für die Kadetten umgewandelt. Neuer Name der Ex-RICKMER-RICKMERS: SAGRES. Es ist das zweite portugiesische Segelschulschiff, das diesen Namen trägt. Als Galionsfigur dient dem portugiesischen Marineschulschiff nun nicht mehr der jugendliche Reederenkel Rickmer Rickmers im navalistischem Matrosenanzug, sondern Heinrich der Seefahrer; Initiator zahlreicher portugiesischer Entdeckungsreisen und solcherweise mystifizierte Gründergestalt der lusitanischen Überseereiche seit der Frühen Neuzeit. 1930 erhält das Segelschulschiff außerdem zwei 700 PS starke Dieselmotoren. Von Krupp. Aus Deutschland.

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Die SAGRES II und III

Bis 1962 dient der ehemalige Frachtsegler der portugiesischen Marine als Segelschulschiff. Ersetzt wird die SAGRES (II) Anfang der 1960er Jahre durch ein weiteres, in Deutschland gebautes Schiff: Die SAGRES (III), die Ex-GUANABARA der brasilianischen Marine. Das bei Blohm & Voss in Hamburg erbaute Segelschiff war 1937 für die Reichsmarine als ALBERT LEO SCHLAGETER vom Stapel gegangen. Bei Kriegsende durch die US-Marine beschlagnahmt, erwarb sie die brasilianische Regierung 1948 für 5.000 US-Dollar.

Die RICKMER RICKMERS: Als portugiesisches Depotschiff am Tejo

Für die RICKMER RICKMERS beginnt nun unter dem Namen SANTO ANDRÉ eine neue Phase ihrer Geschichte: Mit gekappten Masten dient sie der portugiesischen Marine nunmehr als schwimmendes Lagerhaus. Das Depotschiff mit bewegter Geschichte liegt fortan im Marinehafen Alfeite bei Lissabon. Die „Base Naval do Alfeite“ ist Portugals wichtigste Marinebasis. Ein Verbund aus Stützpunkten und Marinehäfen im Mündungsbereich des Tejo. Hier wird der altehrwürdige Großsegler von der Unterweser 1978 schließlich von einer Gruppe hanseatischer Segelschiffenthusiasten wiederentdeckt. Mitgliedern des Vereins „Windjammer für Hamburg“. Ihnen gelingt es 1983 schließlich, die RICKMER RICKMERS an die Elbe zu holen. Das verrostete Hulkschiff vom Tejo wird kurzerhand getauscht. Mit einem 1977 in Dienst gestellten Nachbau der berühmten Jacht AMERICA, genannt: ANNA LINDE. Der Schoner sollte ursprünglich für Charterfahrten eingesetzt werden. Die Ex-ANNA-LINDE dient der brasilianischen Marine seither als Segelschulschiff unter dem Namen NRP POLAR.

Die RICKMER RICKMERS kommt wieder nach Hamburg

In Hamburg indes wird die RICKMER RICKMERS innerhalb von vier Jahren aufwendig restauriert. Die Komplettsanierung des völlig heruntergekommenen Traditionsschiffes erfolgt dabei größtenteils auf dem Werftgelände von Blohm & Voss. Finanziert durch Spendengelder und bewerkstelligt mit Dutzenden von ehrenamtlichen Helfern sowie zahlreichen ABM-Kräften. Unter Letzteren vielfach auch beschäftigungslose Schiffbauer und Schweißer. Am 4. September 1987 wird die wiederhergestellte RICKMER RICKMERS schließlich der Hamburger Öffentlichkeit vorgestellt. Die dritte, nunmehr wieder zivile Lebensphase des Großseglers kann beginnen: von einer gemeinnützigen Stiftung getragen, wird die RICKMER RICKMERS zum Museumsschiff bei den St. Pauli Landungsbrücken.

Schiff RICKMER RICKMERS, Hamburg, Bug

Bug der RICKMER RICKMERS, 2013; Bildurheber: Arnold Plesse; Bild lizenziert unter CC BY-SA 3.0.

Die RICKMER RICKMERS ─ Touristenattraktionen im Hamburger Hafen

Fast dreißig Jahre später ist die RICKMER RICKMERS eine der Touristenattraktionen im Hamburger Hafen. Ein allseits beliebtes Fotomotiv, das jährlich rund 140.000 Besucher an Bord lockt, die dort die einstigen Kabinen, den Kartenraum, die Bordküche oder die alten Maschinen der RICKMER RICKMERS besichtigen können. Regelmäßig wird der alte Windjammer am Fiete-Schmidt-Anleger auch für Sonderausstellungen und kulturelle Veranstaltungen aller Art genutzt. Zudem verfügt die RICKMER RICKMERS über ein bordeigenes Restaurant. Um den Unterhalt des Schiffes dauerhaft für Hamburg und seine Gäste zu sichern, kann das Schiff auch für Tagungen, Film- oder Fotoaufnahmen genutzt werden. Mieteinnahmen, Pacht- und Eintrittsgelder sowie Spenden sichern heute den Unterhalt des fast 120 Jahre alten Frachtseglers. Der ewig lächelnde Junge im Matrosenanzug, ein letzter Gruß wilhelminischer Zukunftserwartung an der Wende zum 20. Jahrhundert ─ originalgetreu und friedfertiger denn je ziert er nun wieder den Bug der RICKMER RICKMERS.

Kletterpark vor spektakulärer Hafenkulisse

In den Wanten der RICKMER RICKMERS schwingen sich nun nicht mehr länger norddeutsche Fahrensleute oder portugiesische Seekadetten. Stattdessen dient das Takelwerk der RICKMER RICKMERS jeden Samstag als beliebter Kletterpark vor spektakulärer Hafenkulisse. 35 Meter hoch oben in der Takelage mag man vielleicht eine vage Ahnung von jener Naturunmittelbarkeit bekommen, welche die Arbeit auf hoher See vor einhundert Jahren prägte. ─ Auf großer Fahrt. Irgendwo im Südchinesischem Meer, auf der Reise nach Chile, mitten im Atlantik.

Literatur:
Melanie Leonhard, Die Unternehmerfamilie Rickmers 1834-1918. Schiffbau, Schifffahrt, Handel. Bremen 2009. (= Deutsche Maritime Studien, Bd. 8)

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