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Russisch-Amerika, Alaska: das Schicksal der NEVA

Russisches Schiff NEVA, Sitka, Alaska 1813_

Druck aus dem Jahre 1814 mit der NEVA vor der russischen Niederlassung auf Kodiak Island, Alaska. Bis 1808 befand sich auf Kodiak Island das Hauptquartier der Russisch-Amerikanischen Kompanie in Nordamerika. Credit: Dave McMahan, Sitka Historical Society

August 1812: vom Hafen Ochotsk an der russischen Pazifikküste bricht das in England erbaute Handelsschiff NEVA nach Osten auf. Das Ziel des unter russischer Flagge fahrenden Großseglers: Nowo Archangelsk, das heutige Sitka im US-Bundesstaat Alaska; seinerzeit Hauptsiedlung der Russisch-Amerikanischen Kompanie. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kontrolliert die legendäre russische Handelsgesellschaft noch weite Teile der nordamerikanischen Westküste. Bis 1841 verfügen die Russen weit im Süden der nordamerikanischen Landmasse sogar über einen Stützpunkt im Gebiet des heutigen Kaliforniens: Fort Ross. Die 1812 gegründete Niederlassung in der Nähe der San Francisco Bay soll die weiter nördlichen gelegenen Stützpunkte der Russischen-Amerikanischen Kompanie regelmäßig mit Lebensmitteln versorgen. Anfang des 19. Jahrhunderts sind die Erwartungen an den wirtschaftlichen Erfolg der Kompanie noch groß. Wichtigste Geschäftsfelder, der wesentlich durch russische Adlige getragenen Gesellschaft: Die Pelztierjagd und der Handel mit den Indianern entlang der Westküste Nordamerikas.

Januar 1813: Schiffbruch von der alaskischen Küste

Die Reise der NEVA steht von Anfang an unter keinem guten Stern. Bereits auf der Überfahrt nach Alaska gerät das Schiff wiederholt in schwere Stürme, erreicht jedoch nach Verlauf von drei Monaten endlich die Küste Alaskas im Prince-William-Sund; hier besteht seit 1793 auch eine kleine russische Handelsstation. Vom Prince-William-Sund geht es entlang der Küste weiter nach Süden. Doch kurz vor dem Erreichen ihres Ziels in Nowo Archangelsk, im Januar 1813, kommt es zu einer folgenschweren Havarie der NEVA: das russische Segelschiff zerschellt in der Nähe von Kruzof Island, einer Insel im Alexanderarchipel, an einem Felsen ─ und sinkt. Zahlreiche Seeleute sterben bei dem Unglück, eine Gruppe von 26 Überlebenden kann sich jedoch an das gegenüberliegende Festland retten. Mitten im subarktischen Winter beginnt für die Männer der NEVA ein dramatischer Überlebenskampf.

Überleben im subarktischen Winter

Ihre Überlebenschancen scheinen zunächst nicht sehr aussichtsreich: Lebensmittel und wichtige Ausrüstungsgegenstände sind in den eiskalten Fluten des Nordpazifiks versunken. Unterkühlung und Hunger gefährden das Leben der Männer bereits unmittelbar nach dem Erreichen der Küste. Die Gruppe der Überlebenden ist überdies relativ groß, was ihre Versorgung noch zusätzlich erschwert; zugleich sind viele bereits durch die strapaziöse, wochenlange Überfahrt von Ochotsk nach Alaska geschwächt. Weitere Gefahr droht zudem durch lokale Indianerstämme. Noch wenige Jahre zuvor war die NEVA selbst in Kämpfe mit Angehörigen des Stammes der Tlingit verwickelt. Im Oktober 1804 bombardierte sie eine Siedlung der Tlingit an der Küste und trug damit wesentlich zum Sieg der Russen gegen einen lokalen Klan diese Volkes bei. Der Sieg in der sogenannten „Schlacht von Archangelsk“ im Oktober 1804 sicherte endgültig die Herrschaft der Russisch-Amerikanischen Kompanie entlang der Westküste Alaskas. Trotz aller Gefahren und Unwägbarkeiten ─ die russischen Seeleute und Kompanieangestellten überleben in den Küstenwäldern Südalaskas und werden nach Verlauf von 24 Tagen gerettet. Die Umstände ihres Überlebenskampfes werfen bis heute viele Fragen auf, zumal nur wenige schriftliche Zeugnisse über das Drama im alaskischen Winter von 1813 überliefert sind.

Fahne Russisch-Amerikanische Kompanie_

Replikat der Fahne der Russisch-Amerikanischen Kompanie (1806). Urheber: Ltkizhi; Bild lizenziert unter CC BY-SA 3.0. Original verkleinert auf 800 x 480 px.

Ausgrabungen im Camp der NEVA-Überlebenden

Seit einigen Jahren nun versucht ein internationales Forscherteam mit Wissenschaftlern aus Russland und Nordamerika, dem Schicksal der Schiffbrüchigen im Süden Alaskas auf die Spur zu kommen. 2012 bereits wurde ein mutmaßliches Lager der NEVA-Überlebenden an der alaskischen Festlandküste entdeckt. Weitere archäologische Grabungen erfolgten an dieser Stelle im Juli 2015. Im Zuge dieser mehrjährigen Untersuchungen wurden nicht nur Feuerstellen entdeckt, sondern auch wichtige Hinweise auf die möglichen Überlebensstrategien der NEVA-Crew: neben Äxten russischer Bauart etwa Angelhaken und Schneidewerkzeuge, die aus verschiedenen Ausrüstungsgegenständen provisorisch hergestellt wurden; möglicherweise wurden sie aus dem Wrack der NEVA an die Küste geschwemmt oder die Männer trugen sie bei sich, als sie die sinkende NEVA verlassen mussten. Weiteren Aufschluss über das Schicksal der NEVA-Überlebenden könnten die ebenfalls im Lagerbereich aufgefundenen Müllgruben ergeben; insbesondere darüber, wovon sich die Männer der NEVA über mehrere Wochen hinweg ernährten.

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Dave McMahan, NEVA Projekt, Sitka, Alaska_

NEVA Project: Grabungsleiter Dave McMahan bei der Arbeit im mutmaßlichen Lager der NEVA-Überlebenden von Januar 1813. Credit: Gleb Mikhalev

 

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Schiffbrüchige NEVA Ausgrabungen_

Provisorische Werkzeuge: Funde im mutmaßlichen Lager der NEVA-Überlebenden bei Sitka. Neben Feuersteinen (g-h) und provisorischen Schneidewerkzeugen (e-f) wurde unter anderem auch ein Angelhaken (c) und eine Musketenkugel (i) gefunden; Credit: Dave McMahan, Sitka Historical Society

Die NEVA und ihre Geschichte

Das Rätsel um die Gruppe der Überlebenden, ihre Hinterlassenschaften und möglichen Lagerplätze, könnte zudem eine weitere wichtige Frage klären: die Frage nach dem Verbleib der NEVA. Denn das Wrack der russischen Fregatte ist bis heute nicht gefunden worden. Kennt man das Camp der Überlebenden, lässt sich das Suchgebiet für das Wrack der NEVA naturgemäß erheblich einschränken. ─ Das russische Schiff ist jedoch nicht allein für die Geschichte Alaskas und der Russisch-Amerikanischen Kompanie bedeutsam. Neben der NADESCHDA nahm die NEVA zwischen 1803 und 1806 nämlich auch an der ersten russischen Weltumsegelung teil. Ziel der seinerzeit durch die Russisch-Amerikanische Kompanie finanzierten Reise: die Sondierung neuer Schiffsrouten für die russische Handelsgesellschaft über Kap Hoorn und das Kap der Guten Hoffnung, die Anbahnung diplomatischer Beziehungen in Ostasien und die Erkundung von Kolonisationsmöglichkeiten an der heutigen kalifornischen Küste. Während der Reise wurden die NADESCHDA und die NEVA in der Nähe der Hawaii-Inseln jedoch getrennt; 1804 schließlich tauchte die NEVA unter dem Kommando des ukrainisch-russischen Seeoffiziers Juri Fjodorowitsch Lissjanski vor der Küste Alaskas auf und wurde, wie erwähnt, in die Kämpfe bei Archangelsk verwickelt.

Admiral Krusenstern

Für die russische Marine- und Seefahrtsgeschichte besitzt diese erste Weltumsegelung große historische Symbolkraft. Nach ihrem Leiter, dem deutschbaltischen Admiral Adam Johann von Krusenstern (1770-1846) ist bis heute ein Segelschulschiff der russischen Marine benannt: die in Kaliningrad beheimatete KRUZENSHTERN, EX-PADUA, einem der berühmten Flying P-Liner der Hamburger Reederei F. Laeisz.

Forschungsprojekt zum Untergang der NEVA

Seit Mai 2014 wird die Suche nach dem Wrack der NEVA und dem Camp der Überlebenden durch die amerikanische Forschungsgemeinschaft NSF (National Science Foundation) unterstützt. Das mit rund 443.000 US-Dollar aus Mitteln des sogenannten „Polarprogrammes“ (PLR) der NSF finanzierte Projekt wurde anlässlich des 200. Jubiläums des Untergangs der NEVA vor der Küste Alaskas initiiert. Das unter der Leitung des Archäologen Dave McMahan stehende unterwasserarchäologische Projekt wird noch bis April 2017 fortgesetzt. Teil des Projekts sind auch Archivstudien in Russland sowie die Aufzeichnung lokaler indianischer Erzähltraditionen und Legenden, die sich um den Untergang des Schiffes im frühen 19. Jahrhundert ranken. Dabei arbeiten die Wissenschaftler auch mit Vertretern der indianischen Selbstverwaltung von Sitka zusammen.

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